Reskilling. Ein Interview mit Mira Lina Simon.

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Mira Lina Simon. Mira ist Autorin und Übersetzerin, sie arbeitet als Kommunikationsmanagerin und engagiert sich in der europäischen Tanz- und Literaturszene. Ihre Offenheit gegenüber neuen Aufgaben macht sie für uns zu einem Menschen mit vielen unterschiedlichen Begabungen und mit der Fähigkeit, sich neues Wissen schnell und intuitiv anzueignen. Damit ist Reskilling ein Thema, das sie ganz unterbewusst perfektioniert hat. Wir haben mit Mira zum Thema Reskilling gesprochen, was für sie Reskilling heute bedeutet und wie sie das Thema in ihrer Karriere umsetzt.

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MATES: Hey Mira, schön dass du da bist. Wenn wir uns mal ganz oldschool deinen Lebenslauf anschauen und du uns erzählst, wer du bist –  Wie würdest du deine Stationen bis jetzt beschreiben und wie bist du zu dem Punkt, wo du heute bist, gekommen?

MIRA: Es begann mit der Leidenschaft zum Tanz. In meiner Kindheit und Jugend liebte ich es, mich zu bewegen, auf der Bühne zu stehen, die über Monate hart erarbeiteten Schrittfolgen einem Publikum zu präsentieren und dabei alles andere um mich herum zu vergessen. Der Tanz war für mich ein Ort, an dem nur das Schöne existierte. Ebenfalls als eine Art Rückzugsraum nahm ich die Welt der Bücher wahr. Ich liebte es mich in mein Zimmer zurückzuziehen, Geschichten zu lesen und liebte es, Geschichten zu erzählen. Die Faszination für die Bühne und die Leidenschaft für Literatur habe ich dann in meinem Studium der Theaterwissenschaft mit Schwerpunkt Tanzwissenschaft und Neuere Deutsche Literatur sowie Romanistik im Nebenfach miteinander kombiniert.Im Laufe der Zeit spezialisierte ich mich nun auf die Kommunikation und Produktion in der Darstellenden Kunst, arbeitete als Angestellte, aber auch immer wieder freiberuflich, gründete zusammen mit einer Freundin das Projekt tanzmobil. Mit tanzmobil reisten wir drei Jahre durch Europa, interviewten Kolleginnen und Kollegen über ihre Arbeitspraxis – ein Weg für uns von ihnen zu lernen, uns weiterzubilden und ein Netzwerk aufzubauen – was als freiberuflich Tätige der Grundstein für die eigene Arbeit ist. Nachdem ich über fünf Jahre primär in der Tanz- und Performanceszene unterwegs war, hatte ich das Gefühl, in gewisser Weise aus der Szene herausgewachsen zu sein. Ein Schicksalsschlag in der Familie brachte mich schließlich zum Schreiben und das Schreiben führte schließlich dazu, dass ich mich wieder vermehrt mit Literatur auseinandersetzte. So entwickelte sich immer stärker der Wunsch, mich nicht nur privat mit Literatur zu beschäftigen sondern auch mein Geld mit ihr zu verdienen. Nun bin ich dabei, eine für mich passende Arbeitsstruktur zu finden. Ich möchte mich weiterhin der Sprache widmen, konzentriere mich derzeit in einem kleinen Dorf in den Vogesen auf meine eigenen Worte und baue zudem meine freiberufliche Tätigkeit als Übersetzerin aus.

MATES: Was bedeutet für dich denn persönlich das Wort „Reskilling“ – vor allem in der heutigen Arbeits- und Lebenswelt?

MIRA: „Reskilling“ bedeutet für mich zu erst einmal eine permanente Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeitssituation und Arbeitsweise, ein ständiges Hinterfragen und eine ständige Neu-Verortung des eigenen Ichs und seiner Kompetenzen. Zudem bedeutet es aber auch ein aufmerksames Beobachten der gesellschaftlichen Entwicklung. Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft? Welche Komponenten werden, sowohl für unseren persönlichen Alltag als auch für unseren Arbeitsalltag, zunehmend wichtiger? Welche Arbeitsmarktentwicklungen und Tendenzen zeichnen sich ab und welche Konsequenzen haben diese für mich persönlich und für mein Arbeitsumfeld? Und wie kann ich diesen Konsequenzen begegnen? Es ist die Frage nach: Wo bin ich und wo will ich hin? – und: Was brauche ich um an mein Ziel zu gelangen? Und wenn ich die Kompetenzen, die mich meinem Ziel näher bringen, bestimmt habe, muss ich schauen, wo und wie ich diese erreichen kann. Vielleicht mit Hilfe eines zweitägigen Workshops oder einer mehrwöchigen Weiterbildung, vielleicht aber auch auf dem autodidaktischen Weg.

MATES: Welchen „Skill“ hast du dir das letzte Jahr angeeignet, auf den du stolz bist?

MIRA: Als freiberufliche Produktionsmanagerin musste ich mich schon öfter gegenüber einer größeren Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern und Projektbeteiligten behaupten. Im letzten Jahr wollte ich explizit für mich herausfinden, was es bedeutet, ein Team zu leiten, was es heißt, Aufgaben zu verteilen und für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitverantwortlich zu sein. Wie ich am besten mit schwierigen Situationen umgehen kann, wie ich Kolleginnen und Kollegen unterstützen und wie wir gemeinsam gute Resultate erzielen können. Mir war es wichtig meinen Umgang mit Menschen im Arbeitsverhältnis zu festigen und zu eruieren, wie ich mich gegenüber meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern positioniere. Es ist nicht einfach die Balance zu finden, zwischen: ich konzentriere mich auf meine eigene Arbeit und gleichzeitig bin ich für die Arbeit anderer offen. Dieses zwischenmenschliche Verhältnis zu erkunden interessierte mich.

MATES: Woher nimmst du die Motivation und vor allem auch die Inspiration, dich auf dem Laufenden zu halten, neue Skills zu erlangen und dein Wissen zu erweitern?

MIRA: Wenn man den Entwicklungen um sich herum folgt und einen Blick in die Vergangenheit wirft, ist es nicht schwer zu erkennen, dass sich unsere heutige Lebensrealität immer schneller wandelt – und mit ihr die Arbeitswelt. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen zunehmend flexibel sein, sich anpassen können, befristete Arbeitsverträge sind die Norm, immer mehr Menschen haben einen höheren Bildungsabschluss und damit steigt die Konkurrenz. Da ist es wichtig, sich ein breites Spektrum an Kompetenzen anzueignen, um quasi für die Zukunft gewappnet zu sein und von einer größeren Auswahl an Arbeitsmöglichkeiten profitieren zu können. Also die (finanzielle) Absicherung durch die Erweiterung von Kompetenzen ist die eine Motivation, und die andere speist sich wohl aus meinem inneren Drang stetig dazuzulernen und nicht zu stagnieren. Ich denke, man sollte sich möglichst viele Perspektiven offen halten, und sich nicht durch Karriereentscheidungen Wege verbauen. Ich habe mich zum Beispiel ganz explizit dafür entschieden, mir Leitungskompetenzen anzueignen, um mir die Zukunft offen zu halten. Vielleicht möchte ich ja doch irgendwann mal eine Kulturinstitution leiten. Also – vielleicht. (Mira lacht)

MATES: E-Learning, Workshops, Panel-Diskussionen, Austausch mit deinem Netzwerk – es gibt zahlreiche Möglichkeiten das eigene Skillset zu erweitern. Wo und wie erweiterst du deine Fähigkeiten?

MIRA: Ich bin ein großer Fan des autodidaktischen Lernens. Ich versuche mir immer wieder Zeit frei zu schaufeln, um mich weiterzubilden – sei es anhand von Fachliteratur, Artikeln im Internet, Dokumentationen oder Podcasts. Darüber hinaus war es für mich immer wichtig, mich auch in der Szene, in der ich arbeite, aktiv zu bewegen. Veranstaltungen, Branchentreffen – derlei Formate spielten immer eine große Rolle um an aktuellen Diskursen dranzubleiben, sein Netzwerk zu erweitern und sich von Best-Practice-Modellen inspirieren zu lassen. Zudem finde ich es lehrreich, mich mit Kolleginnen und Kollegen zu unterhalten, mich über Erfahrungen auszutauschen und andere Sichtweisen kennenzulernen. Vor allem im Dialog habe ich eine Form der Weiterbildung gefunden.

MATES: Glaubst du, dass das Thema „Reskilling“ ein Thema ist, welches durch oder vor allem für die jüngeren Generationen verstärkt spürbar wird?

MIRA: Absolut! Das hat zum einen mit dem sich immer schneller vollziehenden Wandel der Arbeitswelt zu tun. Dieser zwingt die jungen Menschen dazu, mit neuen Technologien und Praxen mitzugehen, sich fortzubilden. In bestimmten Branchen wie z.B. der Automobilbranche werden menschliche Tätigkeiten durch Maschinen ersetzt und diese Entwicklung wird sich weiter verbreiten – mit der Folge, dass immer mehr Menschen gezwungen sind, ihre Fähigkeiten auszubauen und sich umzuschulen. Neue Berufe entstehen für die neue Kompetenzen erlangt werden müssen. Zum anderen denke ich, dass die jüngere Generation schon in einem viel stärkeren Maße, als es vorherige Generationen erfahren haben, gelernt hat, sich selber Informationen zu beschaffen und diese zu bewerten. Dank des Internets und dem wachsenden Wissen, auf das man dort zugreifen kann. Ich beobachte das zum Beispiel bei meiner 17-jährigen Schwester. Ich bin immer wieder überrascht, was sie in ihrem Alter schon alles weiß – Themen, die Zuhause nicht diskutiert wurden. Und wenn ich sie frage, woher sie ihr Wissen hat, dann starrt sie mich verdutzt an und sagt: Youtube, man! Sie weiß sich selbst zu helfen. Ich bin davon überzeugt, dass diese lernmethodische Kompetenz in Zukunft unabdingbar wird, um sich in der Berufswelt von morgen behaupten zu können.

MATES: Zukunftsforscher sagen, dass Bildung durch die Digitalisierung in Zukunft weniger eine Frage des Geldes, als eine Frage von Engagement sein wird. Was sind für dich die wichtigsten Grundpfeiler für Bildung und Lernen?

MIRA: Die Familienverhältnisse spielen nach wie vor eine entscheidende Rolle. Ich denke, dass die Art und Weise, wie man erzogen wird, wir man aufwächst, in welchem sozialen Umfeld man sich bewegt, die geistigen Fähigkeiten enorm beeinflussen. Ein positives und unterstützendes soziales Umfeld ist für eine gesunde geistige Entwicklung Grundvoraussetzung. Das ist für mich die Basis, auf der Bildung vollzogen werden kann. In unserer Arbeitswelt kommen Anerkennung und Wertschätzung leider oft zu kurz – vor allem im Kulturbereich. Dabei ist Anerkennung der Arbeit ein wesentlicher Motivationsfaktor. Daran sollten wir alle mehr arbeiten, unseren Mitmenschen gegenüber Lob auszusprechen.

MATES: „Reskilling“ als Anforderung von oben oder als selbstmotivierendes Angebot? Ist „Reskilling“ deiner Meinung nach Aufgabe von Arbeitgeber oder freiwilliges Engagement von Arbeitnehmern/Freelancern?

MIRA: Ich denke es ist eine Mischung aus beidem. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sollten ihren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die Möglichkeit bieten, sich fortzubilden oder auch neue Aufgaben innerhalb des Unternehmens wahrzunehmen. Dies sollte allerdings auch nicht verpflichtend sein. Denn wenn eine Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer kein Interesse an einer Weiterbildung oder Umschulung hat, dann bringt das wenig. Bei Freelancern, Freiberuflichen oder Selbständigen sieht die Sache schon anders aus. Ich denke, selbstständig Tätige sind weit mehr dazu verpflichtet, sich fortzubilden und sich ein breites Spektrum an Kompetenzen anzueignen – wobei die Spezialisierung in ihrem Fach nicht untergehen darf. Die Aneignung von Kompetenzen fängt schon bei der Buchhaltung an. Jeder Selbständige muss zuerst einmal lernen, sich als Einmannbetrieb zu organisieren, muss buchhalterische Grundlagen beherrschen. Darüber hinaus spielt Selbstvermarktung eine große Rolle. Wie präsentiere ich mich und meine Arbeit? Wie komme ich an neue Aufträge? Selbständiges Arbeiten erfordert Fähigkeiten in unterschiedlichen Bereichen. Und wer diese hat, mit der richtigen Dosis an Spezialisierung und in der Lage ist, sich anzupassen und weiterzubilden, der kann meiner Meinung nach der Zukunft positiv entgegenblicken.

MATES: Vielen Dank Mira, für das inspirierenden Ansätze, die du uns im Gespräch genannt hast. Hab eine gute Zeit!

… Mira`s aktuelle Arbeitssituation in den Vogesen.

Mehr zu Mira und ihrer Arbeit erfahrt ihr auf www.miralinasimon.com

 

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